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Yoruba-Religion (Lukumí)


Die Regla de Ocha ist der "Orisha-Orden" unter den afroamerikanischen Religionen. Sie hat ihren Namen von den Orishas (Orichas, òrìsà), den Gottheiten der nigerianischen Yoruba-Stämme. Während der Unterdrückung der afrikanischen Sklaven in der Kolonialzeit Cubas tarnten die versklavten Nachfahren dieses afrikanischen Volkes, die Lukumí, ihren Kult hinter der Verehrung der katholischen Heiligen (santos), indem sie sie in eine Art spirituelle Personalunion versetzten, sie also "synkretisierten". So entstand eine erzwungene, oft nur schein-heilige Mischreligion, genannt: Synkretismus. Die Spanier hatten für diese seltsam übertriebene Heiligenverehrung ihrer Sklaven einen eher geringschätzigen Namen, der jedoch heute die geläufigste Bezeichnung für diesen neuweltlichen Ableger der Yoruba-Religion geworden ist: Santería. Heutzutage gibt es vereinzelt Strömungen innerhalb der Religion, das erzwungene Erbe der Sklaverei und der Kolonialzeit, die katholischen Relikte, über Bord zu werfen.

Es gibt mittlerweile eine große Menge mehr oder weniger guter Literatur und ebensolcher Websites über afrikanische und afroamerikanische Religionen, die Santería und die Religion der Yoruba. Ein kurzer Abriß auf dieser Seite kann natürlich unmöglich alle Aspekte dieses Themas umfassend und gründlich behandeln. Trotz der sträflichen Unvollkommenheit, zu welcher dieser kleine Artikel verdammt ist, fühle ich mich im Kontext meiner Website gehalten, Grundzüge der Religion auf eigene Weise zu skizzieren.

Allgemeine Grundzüge

Die Santería ist die legitime Fortführung der ursprünglichen afrikanischen Religion der Yoruba in der neuen Umwelt Cubas und Amerikas. Es existieren heute sowohl Bemühungen um eine Annäherung an die afrikanischen Wurzeln oder eine Rückkehr zu ihnen, wie auch um eine Kombination beider Richtungen. Auch eine kontroverse Haltung "Lukumí (Cuba) contra Yoruba (Nigeria)" ist oft unter den Vertretern der Religion zu finden. Tatsache ist jedoch einerseits, daß diese Religion auch in Afrika nicht in einheitlicher Form ausgeübt wird, und daß andererseits das cubanische Modell seine spirituelle wie soziale Funktion unter schlimmsten Lebensbedingungen erfüllt hat. Es erfüllt sie noch immer.

Aussage, Funktion und Heilsversprechen der Yoruba-Religion sind nicht so verschieden von denen anderer Religionen auf unserer Erde. Es geht da um ethisches Verhalten, welches in allen menschlichen Gesellschaften recht ähnlichen Normen folgt, und um Läuterung der eigenen Seele zur Erlangung von ìwa pèlé, eines "reinen Charakters".
Allerdings berücksichtigt dieses Ideal in der Yoruba-Religion auch immer die Komponente des individuellen Wesens, welches in seiner Eigenart entwickelt und herausgearbeitet werden will, und welchem das Individuum gerecht werden soll. Dieser Grundgedanke beinhaltet auch den Auftrag zur Bezwingung wesenstypischer Untugenden und rechtfertigt keineswegs die persönliche Bequemlichkeit. Hierin findet sich das Motiv der seelischen Elevation, ja Evolution. Auffällig ist bei alledem, daß zum einen die Wiederkehr in die irdische Existenz durch Reinkarnation in den eigenen Kindern und Kindeskindern als Heilsversprechen für ein rechtes Leben gilt, zum anderen aber auch der postume Status des als Vorbild verehrten Ahnen angestrebt wird.
Ein wichtiger Grundgedanke der Religion gilt der Erzielung und Erhaltung eines stabilen Gleichgewichts (balance), im menschlichen Mikrokosmos wie im Makrokosmos der Natur und im Austausch mit der transzendenten Welt, dem òrun ("Himmel"). Zu nehmen ohne zu geben ist ein verbrecherischer Irrtum im Umgang mit dem Kosmos. In dieser Überzeugung fußt unter anderem auch die Philosophie des Opfers (ebo), das in dieser Religion eine zentrale Bedeutung hat.

In der traditionellen Vorstellung der Yoruba befindet sich der Mensch in einem Kreislauf zwischen Geburt, Tod und Wiedergeburt auf seiner Wanderschaft zwischen der irdischen Welt (ayé, aiyé) und dem Jenseits (òrun). Im Diesseits dieser Welt versieht der Mensch Aufgaben zu seiner spirituellen Evolution, die "daheim" im òrun für ihn nicht greifbar sind. Ein Spruch lautet: "Der Himmel ist unser Zuhause, die Erde ist der Marktplatz", ein anderer: "Der Wissende stirbt nicht so wie der Nicht-Wissende" 1). Die irdischen Geschäfte, der Lebenskampf, der Alltag und das praktische Handeln gewinnen dadurch eine spirituelle Dimension. Himmel und Erde, Geist und Materie durchwirken einander, befinden sich im gegenseitigen Austausch. Auch wird im selben Moment, in dem das irdische Überleben, das materielle und körperliche Wohlergehen zu einem Teilbereich persönlichen Wachstums und einem spirituellen Exerzitium erwächst, die Erlangung und Ausnutzung von vitaler Kraft zu einem wichtigen Motiv. In der traditionellen Glaubensvorstellung der Yoruba entspringt jede Form individueller Kraft einem Pool universaler Energie, dem aché (ashé, àse). Aché bedeutet auch den Anschluß oder die Teilhabe des Einzelnen an dieser Energie. Jedes noch so geringe Ding, gleich ob mineralischen, pflanzlichen oder tierischen Ursprungs, oder ob menschlicher Artefakt, besitzt einen Anteil, eine Portion spezifischer Energie, die durchaus wirksam werden kann. Dies zeugt im Grunde von einer animistischen Weltsicht. Je unstofflicher aber ein Ding oder Lebewesen wird, desto höher steigt es in der Hierarchie der Geistigkeit, und desto mehr Energie gewinnt es.

Die Religion der Lukumí ist ein erklärter Monotheismus. Sie etabliert einen einzigen Gott (Olódùmarè) als primordiale Manifestation der universalen Energie aché. Aus ihm emanieren allerdings diverse Untergottheiten, die Orishas, von denen eine jede für sich spezifische Kräfte verkörpert, Kräfte, die in ihrer Gesamtheit und ihrem Zusammenwirken das Universum konstituieren und das kosmische Gleichgewicht gewährleisten. Olódùmarè symbolisiert die undiversifizierte Energie, das reine Licht. Er wird auch Olórun oder Olófi genannt.2)

In westlichen Quellen wird die Santería, ebenso wie der Vodú (Vaudou, Voodoo) oder der Candomblé, oft als "Glaubenskult" bezeichnet. Damit wird augedrückt, daß die Santería und verwandte Religionen nicht als solche anerkannt werden, weil sie die praktische, rituelle Ausübung des Kultes in stärkerem Maße in den Mittelpunkt rücken als etwa das Christentum. Das evangelische Christentum ist extrem in seiner Betonung der Innerlichkeit. Der Buddhismus praktiziert die Versenkung, aber er praktiziert sie immerhin. Was berechtigt dazu, Religionen, die im Kult die Gotteserfahrung suchen, nicht als solche anzuerkennen? 3)

Folgt man den Anschauungen von Horst E. Miers4) und Kurt Aram5), so finden sich in der Santería ebenso magische wie mystische Merkmale. Magische Merkmale sind zum Beispiel der Gebrauch von Anrufungen, das "Herabholen" der Orishas in Besessenheits-Trance oder Orakelbefragungen, sowie der Glaube an die Wirksamkeit von Amuletten und magischen Handlungen. Mystische Züge tragen der Gottesglaube und das Streben nach Elevation und spiritueller Evolution.

Die Struktur der Religion

Joseph M. Murphy strukturiert die Religion der Yoruba in die Bereiche Ara òrun, Orisha und Ifá.6)

Mit Ara òrun meint Murphy die Ahnen, die das Jenseits bewohnen, die Égún, obschon die transzendente Welt noch von anderen unstofflichen Wesen bewohnt ist. Der Kult der Égún, die Ahnenverehrung, ist eines der wichtigsten Kapitel der Religion. Murphy sieht in der Ahnenverehrung das Medium zur Erhaltung traditioneller moralischer Werte.

Die Orishas sind, wie schon gesagt, Emanationen Gottes. Murphy sieht in dem Kult der Orishas eine Zugangsmöglichkeit zum aché, der universalen Energie, und zur Gewinnung persönlicher Macht und Lebenskraft. Der Orisha-Kult ist für Murphy also in erster Linie ein Kult der Kraft.

Neben der Pflege der traditionellen Normen, die sich an dem Égún-Kult festmachen läßt, und dem Kult der Orishas, die den Zugang zur Kraft ermöglichen, sieht Murphy das Orakel Ifá als Instanz zur Organisation der kosmischen Ordnung und zur Strukturierung der Religionsausübung.

Die von Murphy vorgeschlagene Struktur der Yoruba-Religion ist recht grob und schematisch, bildet aber einen ersten hilfreichen Schritt, sie zu überblicken.

Verbindungen zwischen Egun, Orisha und Ifá

Zunächst einmal bestehen Verbindungen zwischen den genannten drei Bereichen. So gibt es zum Beispiel eine ganze Anzahl von Orishas, die an der Transformation vom Menschen zum Égún beteiligt sind, welche den Übergang vom Leben zum Tod oder die Reise von aiyé zu òrun begleiten, allen voran die weibliche Gottheit Oyá, die über die Égún gebietet, mythische Mutter des Egúngún-Maskentänzers 7) und Herrin des Friedhofstors. Oyá bewirkt Transformation (s.u.).

Die Verbindung zwischen Orisha und Ifá bildet die Divinationsgottheit Òrúnmìlà, der Patron des Orakels und erster Prophet von Ifá, Zeuge der Schöpfung und Kenner der Vorbestimmung. Òrúnmìlà ist aber ein Orisha.

Andersherum stehen die Odù, die Orakelzeichen von Ifá, in einer Beziehung zu den Orishas. So heißt es zum Beispiel oft, ein Orisha stehe mit einem Odù in Verbindung, drücke sich in ihm aus oder sei in diesem oder jenen Odù geboren.8) Endlich ist festzuhalten, daß sowohl die Ahnen, als auch die Orishas und Ifá zunächst einmal die Adresse für ratsuchende Gläubige darstellen. Die Égún und die Orishas sprechen direkt durch das Orakel der Kola- oder Kokosnußstücke (Obi) und der Kaurimuscheln (Diloggún, Merindilogun), während im Orakel von Ifá Òrúnmìlà das Wort führt.

Ifá ist das Divinationsmedium ersten Ranges, wobei Divination als Kommunikation mit Gott zu übersetzten ist. Es trifft außerdem zu, daß das "mündlich überlieferte Schrifttum" ("Oratur" im Gegensatz zu Literatur) der 256 Orakelzeichen (odù) von Ifá entscheidenden Aufschluß über das kosmologische System der Yoruba gibt. Im afrikanischen Herkunftsland der Yoruba stellt Ifá die Religion im eigentlichen Sinne dar. Einen einigermaßen repräsentablen Überblick über Ifá geben zu wollen, würde aber an dieser Stelle zu weit führen.

Andere Kultbereiche der Santería

Außer Égún, Orisha und Ifá gibt es noch weitere Elemente der Yoruba-Religion, die meist weniger Beachtung finden - vielleicht, weil sie weniger spektakulär erscheinen. Zu diesen gehört etwa die Herbalistik, die Kunde von den heilenden und magisch wirksamen Pflanzen, deren Patron der Orisha Osain (Osayin, Osanyin) ist. Der Herbalist, der Olosain, kennt alle Pflanzen, weiß, wo und wie sie zu pflücken sind und wie man ihnen Heilkraft, beziehungsweise magische Wirksamkeit verleiht.

Eine ähnliche Klasse wie die der Osainistas bildet die Bruderschaft der Batá-Trommler (Olúbatá), die aus initiierten Trommlern (Omóañá) besteht. Diese sind in das Mysterium des Orisha Añá eingeweiht, der im Inneren der heiligen Trommel wohnt.

Die Rolle der Trommelzeremonien

Auch das toque de santo, das zeremonielle Fest mit Trommeln und Musik zu Ehren eines oder mehrerer Orishas stellt eine Form der Divination im Sinne der "Kommunikation mit Gott" dar.9)

Oft wird solch ein toque oder tambor als eine Form von ebo (Opferleistung) durch das Orakel verordnet. Ein tambor de fundamento, ein Fest mit geweihten Batá-Trommeln, ist eines der umfangreichsten und kostspieligsten Opfer des Kultrepertoires.
Der Sinn einer solchen Veranstaltung ist es, die Orishas mithilfe der Trommeln, ihrer Rhythmen und Lieder gewissermaßen herab- und hereinzubitten, um sie als Ehrengäste der Feier zu beköstigen und gut zu stimmen, sowie ihnen wichtige Ratschläge und Anweisungen zu entlocken (Divination). Das Erscheinen der Orishas auf einem toque manifestiert sich in der Besessenheit eines dafür prädestinierten Teilnehmers an der Zeremonie durch diese Gottheit. Diese Person leiht dem Orisha für die Zeitdauer seiner Trance als Medium seinen Körper; das heißt, seine Gegenwart wird kurzfristig durch die des Orishas ersetzt. Aus der in Trance befindlichen Person spricht sodann die (personifizierte) Gottheit.

Die Batá-Trommeln sind die Kirchenmusikinstrumente der Lukumí. Ihr Platz in der Santería entspricht etwa dem der Orgel in der christlichen Kirche. Sie sind ein wichtiger Bestandteil des Kultus und ihrer Liturgie, aber eben nur ein Teil unter vielen anderen. Und die Vorstellung von einer in einen orgiastischen Blutrausch mündenden dionysischen Ekstase, die Westeuropäer gerne mit afrokaribischen Religionen in Verbindung bringen, offenbart weniger von der Realität des Kultes als von den psychischen Abgründen derer, die solche Bilder heraufbeschwören.

Beinahe wichtiger noch als die drei Trommler ist der Sänger, genauer gesagt der Vorsänger (Akpwón), der mit seinen Liedern die gesamte Zeremonie steuert. Das musikalische Repertoire und rituelle Wissen solcher Akpwones ist gewaltig. Sie kennen Hunderte von Liedern und ihre rhythmische und rituelle Positionierung und variieren und improvisieren sie nach ihrer eigenen Erfahrung. Sie leiten die Zeremonie, die Trommler und den Chor, ja selbst den Orisha, der sich in einem der Anwesenden verkörpert hat.

Den Chor bildet die Gemeinde der anwesenden Festteilnehmer, die natürlich mit dem liturgischen Liedgut gleichfalls vertraut ist.

Der Orí-Komplex

Eine oft zuwenig beachtete Gottheit ist Orí.10) Ähnlich wie Égún ist auch Orí eine Entität, welche sowohl individueller als kollektiver Natur ist. Ebenso wie Égún sowohl einen einzelnen Totengeist als auch die Gesamtheit aller Totengeister bezeichnet, ist Orí eine singuläre Gottheit, die jedoch das individuelle Wesen jedes einzelnen Menschen meint, von denen es bekanntlich viele gibt. Die Vielzahl der menschlichen Individuen macht die Kollektivität von Orí aus. Im Gegensatz zu Égún ist Orí jedoch ein Orisha.

Während interessierten Betrachtern der Religion bekannt ist, daß für jeden Menschen ein ganz bestimmter Orisha ermittelt werden kann, der über seinen "Kopf" regiert, also maßgeblich dessen Wesen (Charakter, Persönlichkeit, Mentalität, Temperament) bestimmt, wird oft verkannt, daß es Orí (wörtl.: "der Kopf") ist, der die Individualität des Menschen, sein persönliches Wesen ausmacht, und der sein erster Ratgeber und ständiger Begleiter ist.
In jedem Kopf ist auch einen Teil von Olódùmarè selbst gegenwärtig, der Eledá.11)

In Orí, dem Kopf, ist die Bestimmung eines Menschen verkapselt: Jeder Mensch hat vor seiner Geburt seine Bestimmung (àyànmó) selbst erwählt und zuerkannt bekommen. Im Augenblick der Geburt vergißt er sie jedoch und wird nun im Laufe seines Lebens immer auf der Suche nach seiner Bestimmung sein. Er wird immer wieder in Situationen geraten, in denen er nicht weiß, wie er sich richtig verhalten soll; "richtig" bedeutet hier: seiner Bestimmung gemäß.
Dies sind die Momente, in denen er sich an das Orakel Ifá wendet; denn nur Òrúnmìlà, der erste Prophet von Ifá, war "Zeuge der Schöpfung" (eléri ìpín). Orí existiert in zweifacher Ausfertigung, nämlich als Orí und Iporí (Ìpònrí); während Orí (genauer gesagt Orí-inú, der "innere Kopf") das Bewußtsein und die Persönlichkeit des irdischen Menschen beinhaltet, ist Iporí das himmlische Doppel seines Orí, die perfekt seiner Bestimmung entsprechende Anlage.12) Das Wiederfinden der eigenen Bestimmung und eines ihr gemäßen Verhaltens ließe sich also auch anders formulieren als ein Zur-Deckung-Bringen von Orí und Iporí. Und hierin besteht letztendlich der Sinn und Grundgedanke der Divination, der Konsultation des Orakels.

Die Orishas der Santería

Zwar wurde bis heute schon genug über die Orishas der Yoruba und Lukumí geschrieben 13), doch darf an dieser Stelle eine kurze Vorstellung der wichtigsten Gottheiten natürlich nicht fehlen. Dabei muß ich vorausschicken, daß auch hier eine halbwegs erschöpfende Beschreibung oder Charakterisierung der Orishas unmöglich ist. Wer sich einmal eingehender mit nur einer dieser Wesenheiten befaßt, der entdeckt, daß sich hinter jeder von ihnen ein tiefgründiges Mysterium eröffnet, das ohnehin nur nach entsprechender Einweihung in ganzer Fülle erfahren werden kann.14)

Im afrikanischen Heimatland der Yoruba gab und gibt es eine schier unendliche Zahl von Orishas (die oft genannten Ziffern 201 oder 401 sind symbolisch), von denen nur einige die sogenannte Atlantic Passage, also den Sklaventransport nach Amerika, mitgemacht haben. Regional verehrte Gottheiten oder solche, die für die versklavten Afrikaner im Exil von geringerer Bedeutung waren, verschwanden auf Cuba oder gingen in anderen Orishas als deren Avatare oder Aspekte (caminos) auf. Auf Cuba werden ungefähr noch 40 Orishas aktiv verehrt. Zu diesen gehören:

Eleggua (Elegba, Eshú)

Ogún

Ochosi

Osun

Obatala

Orunmila (Orula, Orunla, Ifá)

Ochún (Oshún)

Yemayá (Yemoja)

Olokun

Babalú Ayé (Chakuana, Asoyí)

Nana Buruku

Oricha Oko (Oko)

Obaloke (Oke)

Dada (Bayanni, Obañeñe)

Ochumare

Obba (Obba Nani)

Yegua (Yewa)

Oddudua (Oddua, Oduduwa)

Oggué (Ogé)

Korikoto

Ibeyi (Ibeji)

Changó (Shangó, Sango)

Aggayú (Aggayú Cholá /Solá)

Oro Aina (Oroiñá)

Inle (Erinle)

Abata

Logun Ede

Oyá (Yansa)

Ayao

Ogan

Osain

Aroní

Iroko

Añá (Àyàn)15)

Ajala Mopin15)

Orí

 

Viele dieser Gottheiten werden in sogenannten Aspekten (caminos) diversifiziert, die zwar alle miteinander als der eine Orisha gelten, dem sie zugeordnet sind, jedoch ganz bestimmte isolierte "Aspekte" seines Wesens verkörpern. Diese Wesensaspekte offenbaren sich häufig in bestimmten Episoden, Situationen oder Stationen seines mythischen Lebensweges, wie sie in den Legenden (patakis) festgehalten und überliefert wurden.

Die Gesamtzahl der Orishas läßt sich nach verschiedenen Gesichtspunkten unterteilen, systematisieren und ordnen. So gibt es primordiale Gottheiten, die sogenannten Imale oder Irunmole, numinose kosmische Mächte, die vor der Schöpfung des Universums existierten und es mitgestalteten16); Gottheiten, die Naturgewalten oder Naturelemente personifizieren; Gottheiten, die ehemals lebende Persönlichkeiten waren und posthum deifiziert wurden (die eigentlichen Orishas)17); Gottheiten, die heiligen Bäumen innewohnen, und Schutzgottheiten, die bestimmte Aktionen oder Lebensprozesse überwachen. Die meisten der oben aufgeführten Gottheiten passen gleichzeitig in mehrere Kategorien, beziehungsweise erfüllen mehrere Funktionen. Darüberhinaus bilden bestimmte Orishas kultisch bedingte Gruppierungen. Zu diesen zählen die tres guerreros: Eleggua, Ogún und Ochosi, die Orishas de fundamento: Eleggua, Obatala, Changó, Yemayá und Ochún, sowie die siete potencias: Eleggua, Ogún, Obatala, Changó, Yemayá, Ochún und Oyá 18).

Ihrem Charakter entsprechend gibt es Gottheiten, die in die Kategorie der "Weißen (hellen, reinen, kühlen, ruhigen) Orishas" (orisha funfun) gefaßt werden. Zu diesen gehören Obatala, Oddudua, Yemowo, Oke, Ogan, Ochosi, Ochún, Nana Buruku und Oricha Oko 19).

Charakterisierungen der Orishas
  • Eleggua (Elegba, Eshú) ist in der Regla de Ocha die Gottheit der Wege, der Kreuzungen und Weggabelungen, des Eingangs und des Ausgangs. Dies ist natürlich nicht nur figurativ zu verstehen; im übertragenen Sinne ist Eleggua verantwortlich für den Lebensweg, für das Gelingen oder den Mißerfolg von Unternehmungen, für Begegnungen und Entscheidungen, für Zufälle, Unfälle und das unergründliche Schicksal. Er ist ein Schalk, der das non-lineare, chaotische Element in der Welt repräsentiert.
    Eleggua ist der große Kommunikator. Er knüpft Verbindungen, schürt aber auch Zwist. Ohne seine Vermittlung ist nichts zu bewerkstelligen. Er ist der yorubische Hermes, der göttliche Geheimdienstbeauftragte, der den Orishas die Opfergaben der Menschen zuträgt oder deren Betragen ausspioniert, und der andererseits verdeckte Strafexpeditionen ausführt, wenn sich wieder einmal die Hybris unter den Erdgeschöpfen ausbreitet. Hierfür untersteht ihm das Pandämonium der Ajogún (wörtlich: "Krieger").
    Eleggua verwaltet die universale Energie, das Aché.
    In der Lukumí-Tradition werden Eshú und Eleggua (Elegba) als Dualität angesehen, wobei Eshú der unberechenbare, gefährliche und maliziöse, Eleggua hingegen der kooperationsbereite, zumindest ansatzweise domestizierte Aspekt des Orishas ist. Diese Transformation vollzieht sich mit der Verankerung seines aché in einem Stein, der ihm geweiht wird und ihn ikonisiert. Nüchtern betrachtet ist Legba im Ursprung nur die Entsprechung des yorubischen Eshú bei den Ewe und Fon.
    Die Farben von Eleggua sind Schwarz-Rot oder Schwarz-Weiß, seine Zahlen die 1, die 3 und die 21. Er liebt Süßigkeiten und Spielzeug, ist gleichzeitig infantil und libidinös.
  • Ogún ist der Mars/Ares des Yoruba-Pantheons, Herr des Eisens und der Schmiede und ein unerbittlicher Krieger. Abgeleitet von dieser archaischen Bedeutung ist er der Orisha der Arbeit, der Technik/Technologie sowie der Evolution, und zwar durchaus im darwinistischen Sinne. Ihm gehören Waffen und Werkzeuge. Er gilt als Begründer der Zivilisation. Seine Farben sind Schwarz und Grün, seine Zahl ist die 7.
  • Ochosi (Òsóòsì) ist der archaische Jäger mit Pfeil und Bogen, der Orisha der Jagd. Im übertragenen Sinne steht Ochosi für Zielgerichtetheit, Zielstrebigkeit und Konzentration, der dem Menschen die Ausdauer bei der Verfolgung seiner Ideen und Projekte verleiht.
    Ochosi ist auch der Orisha der Gefangenschaft und der Gefängnisse.
    Ochosi hat wie Ogún die Zahl 7, seine Halketten sind blau-gelb.
  • Osun ist ein Orisha, der den Kopf, das Leben des Menschen symbolisiert. Er wird gemeinsam mit den Guerreros (Eleggua, Ogún, Ochosi) verliehen.
  • Inle (Erinle) war und ist in Afrika eine Jagdgottheit. Auf Cuba ist er Fischer geworden, der gemeinsam mit Ochún die Süßgewässer regiert. Zudem gilt er als Schutzpatron der Homosexuellen. Er lebte lange genug mit Yemayá zusammen, um von ihr in die Mysterien des Meeres eingeweiht zu werden. Als er beschloß, Yemayá zu verlassen, um für immer zu Ochún zu gehen, schnitt ihm die Verlassene seine Zunge aus dem Mund, damit er ihre Geheimnisse nicht preisgeben konnte. Die Farben von Inle sind Grün-Weiß oder Grün-Gelb. Seine Zahl ist die 7, wie die Zahl von Yemayá.
  • Oricha Oko ist der Orisha der Landwirtschaft. Die Legende erzählt, er habe sich dem Ackerbau verschrieben, nachdem er die Lepra bekommen hatte und aus seiner Stadt Irawo verstoßen worden war. Ihm gehören alle Feldfrüchte, insbesondere aber die Süßkartoffel. Ebenso wie er für die Fruchtbarkeit der Scholle sorgt, regiert er auch die Fruchtbarkeit des Menschen und hilft zudem gebärenden Frauen. Er schlichtet Streitigkeiten zwischen den Orishas. Seine Farben sind Lila und Türkis, seine Zahl ist die 7.
  • Babalú Ayé (Shopona) ist der Orisha der Seuchen (insbesondere der Pocken), der ansteckenden Krankheiten und des ausweglosen Leidens. Er vergilt soziale Ungerechtigkeit und Ausgrenzung sowie Gewaltausübung gegen Schwache.20) Er ist der Zorn und die Hitze der Erde, über die ein krankmachender Wind weht. Seine Farben sind Braun und Schwarz, seine Zahl die 13 oder 17.
  • Osain (Osayin, Òsányìn) ist der Wald, el monte, die wildwachsende Flora. Er ist der Orisha der Pflanzen, vor allem der Heilkräuter. Er verleiht den Pflanzen ihre heilende oder magische Potenz. Seine Zahl ist 101.
  • Obatala (Orishanla) ist die große Schöpfergottheit der Yoruba. Er hat männliche und weibliche Aspekte. Er ist der Orisha des Friedens und der Gnade, der Reinheit und der Gerechtigkeit. Sein Name Obatala bedeutet "Herr der weißen Kleidung". Er verkörpert einen zerebralen, intellektuellen Menschentypus. Ihm gehören alle Köpfe. Seine Farbe ist ein silbriges, blütenreines Weiß, seine Zahl ist die 8. Nach einem Mythos soll er einst der eine und einzige Orisha gewesen sein, den es gab. Er wurde jedoch von einem ungetreuen Diener mit einem Felsbrocken zerschmettert, worauf er in viele Teile zersprang, die alle zu Orishas wurden. Orunmila sammelte jedoch soviele Teile wie er fand und setzte sie wieder zusammen; daraus wurde Orishanla, der "große Orisha".
  • Oddudua gilt auf Cuba als ein Aspekt von Obatala; er war jedoch ursprünglich der erste politische Führer der Yoruba gewesen, dessen wahrer Name unüberliefert blieb, der sich aber nach seiner (weiblichen) Gottheit Oduduwa benannte. Der Legende nach löste er Obatala bei seiner Weltschöpfung ab, nachdem dieser in Trunkenheit Mißbildungen geschaffen hatte. In der Mythologie der Lukumí wird seitdem Oddudua die Erde, Obatala dagegen die Luft zugeordnet. Auch Odduduas Farbe ist Weiß.21)
  • Obaloke (Oke) ist der Herr der schweigenden Berge und Gebirge, der kargen, schroffen Felsmassive. Er bietet Obatala Schutz und Zuflucht.
  • Dada ist eine Vegetationsgottheit und Orisha der (Nutz-)Gärten. Er war der ältere Bruder und Thronvorgänger von Changó gewesen, der jedoch seinen Platz für ihn räumte. Er wird ikonisiert durch einen mit Kaurimuscheln besetzten Helm (bayanni). Zudem ist er der Orisha der Embryos, des ungeborenen Lebens und die Schutzgottheit der Kinder mit lockigem Haar.
  • Oggué (Ogé) ist die Schutzgottheit der Viehherden, Orisha der Viehzucht. Er wird symbolisiert durch das Büffelgehörn Oyás. Außerdem ist er der Arzt Changós und ein Kaufmann.
  • Korikoto ist der Orisha der Kinder.
  • Ibeyi (Ibeji) sind die göttlichen Zwillinge Taewo und Kainde, synkretisiert als die heiligen Kosmas und Damian. Sie sind je nach Überlieferung die Kinder von Changó und Ochún oder von Changó und Yemayá. Sie symbolisieren den Dualismus, die Polarisierung der Welt in ein paariges System, und begründen damit unter anderem ihre Spaltung in ein männliches und ein weibliches Geschlecht. Obwohl sie als launische und übermütige Kinder dargestellt werden, gelten sie als weise und hellsichtig. Ihre Zahl ist die 2.
  • Changó (Shangó, Sàngó) war der vierte aláfin, König und Heerführer von Oyo. Er wurde aufgrund seines Charismas und seines kompromißlosen Wesens nach seinem Tode zum Orisha geläutert. Er ist die Gottheit des Feuers und der Leidenschaft, des Gewitters, der Musik und der Trommeln. Er ist der Macho und der Casanova unter den Orishas. Er ist eine kriegerische Gottheit wie sein Erzfeind Ogún, doch ist der Krieg für ihn nicht Handwerk, sondern ein Mittel zum Sieg. Seine Farbe ist Rot, meist ausgeglichen durch Weiß. Seine Zahlen sind die 6 und die 12.
  • Aggayú (Aganjú, Argayú) gilt als Vater oder Bruder von Changó.22) Seine Mutter ist Oro Aina, das Feuer des Erdkerns, und ihm gehören die Vulkane, aber auch das wilde, unerschlossene Land, die Steppe. Er ist der archaische Fährmann, der den Menschen durch harte Lebensphasen trägt. Seine Farbe ist Rot, seine Zahl die 9.
  • Oyá (Yansa) ist eine weibliche Gottheit. Sie hat die Regentschaft über Sturm und Wind (afenfe), den Wechsel und die Transformation: Sie wacht am Tore des Friedhofs sowie auf Warenumschlagplätzen (Märkten). Auch Funken, vergabelte Blitze und Elektrizität werden ihr zugeschrieben. Ihre Zahl ist die 9, ihre Farben Braun, Ocker, Aubergin, Weinrot. In Afrika gehört ihr der Fluß Niger.
  • Obba war in der Mythologie die erste und rechtmäßige Ehefrau von Changó. Sie wurde von ihm verstoßen, nachdem sie versucht hatte, seine ihr gegenüber schon etwas abgekühlte Leidenschaft aufzufrischen, indem sie sich ein Ohr abschnitt und dieses in sein Lieblingsgericht mischte. So wurde diese(r) Orisha der Treue und Folgsamkeit, die stets an der Seite ihres Mannes stand, Heim und Herd hütete und für Erziehung und Ausbildung zuständig war, zu einer verbitterten, eifersüchtigen Frau, die bis ans Ende ihrer Tage allein blieb und sich mit Essen tröstete. Um die Stelle des fehlenden Ohres zu verbergen, trägt sie eine Binde um ihren Kopf. Ihre Farben sind Gelb-Rosa, ihre Zahl die 9 (gemeinsam mit Oyá und Aggayú). Obba gilt auch als Orisha des Seehandels. In Afrika ist sie die Göttin des Flusses Oba.
  • Yegua (Yewa) gilt als die "wahre Herrin des Friedhofs" und regiert den physischen Aspekt des Todes. Sie ist der Orisha der Keuschheit und Jungfräulichkeit. Rosa-Violett und Purpur sind ihre Farben. N.B. Aróstegui gibt als ihre Zahl die Elf an, doch existieren hierüber unterschiedliche Angaben.
  • Yemayá (Yemoja) ist die Gottheit des Meeres und der Mutterschaft. Die wörtliche Übersetzung ihres Namens ist "Mutter der Fische", und sie wird begrüßt mit den Worten "Omío Yemayá".
    Sie ist die Schutzpatronin der Seefahrer, ihr Metall ist das Blei, weil es das einzige Metall ist, das vom Salzwasser nicht angegriffen wird. Ihr Lieblingstier ist die Ente, ihre Zahl ist die 7 und ihre Pflanzen sind u.a. Algen, Eisenkraut, Minze, Rosmarin und die Wassermelone. Ihre Farbe ist Blau, versetzt mit Weiß, sinnbildlich für die Schaumkronen auf dem Wasser. In Afrika ist Yemoja eine Flußgöttin: Ihr gehört der Fluß Ogun.
    Yemayá ist der Mutterarchetyp, die Urmutter, das Wesen des Meeres als Ursprung allen Lebens. Dieser mütterliche Aspekt hat, auch auf psychologischer Ebene, zwei Seiten, den nährend-beschützenden, sowie den vereinnahmenden.
  • Ochún (Oshún, Òsun) ist die Aphrodite, die Venus unter den Orishas. Sie steht für Reichtum, Wohlstand , Luxus und das süße Leben. Ihr Lieblings-Accessoire ist ein Fächer (abebe) aus Federn. Ihr gehören das Gold und das Messing; ebenso der Honig, wie auch Flüsse und Bäche. Die weibliche Sexualität, von der Verführung bis zur Empfängnis, obliegt ihrer Zuständigkeit. Ihre Lieblingsfrüchte sind Orangen und Mandarinen. Unter den ihr zugeordneten Tieren befindet sich vor allem der eitle Pfau. Sie ist die Schutzheilige der Prostituierten. Ihre Farbe ist Gelb, ihre Zahl die 5.
    Es ist wichtig zu wissen, daß Ochún - bei all der Leichtigkeit ihres Wesens - in der Kosmologie der Yoruba von außerordentlicher Bedeutung ist. Sie ist nämlich die einzige weibliche Gottheit, die zusammen mit den ersten 16 Irunmole von Olódùmarè auf die Erde geschickt wurden. Ochún ist der/die siebzehnte Irunmole. Sie steht für die Erkenntnis, daß ohne das weibliche Element kein Vorhaben von Erfolg sein wird und kreative Prozesse zum Scheitern und Erliegen kommen.23)
  • Orunmila (Orula, Orunla) ist der Patron des Orakels von Ifá. Er ist der Orisha der Weisheit. Er ist der Zeuge der Schöpfung und kennt das Schicksal, die Bestimmung alles Seienden und strebt nach der Harmonie und dem Gleichgewicht der Weltordnung. Seine Zahl ist die 16, seine Farben sind Grün-Gelb.
Das Böse in der Religion der Yoruba

"Ohne das Schlechte gibt es das Gute nicht", lautet (sinngemäß) ein Sprichwort im Odù Okana-Sode der Diloggún in der Lukumí-Tradition. Dieses Sprichwort ist ein Hinweis auf die Relativität des Bösen oder Schlechten in dem Weltbild der Yoruba-Religion. Allgemein gilt erstens, daß etwas, das für den Einen schlecht ist, für jemand Anderen gar nicht so schlecht sein muß; zweitens, daß ein Unglück auf einer höheren Ebene durchaus segensreich sein kann, auch wenn dies dem Menschen nicht unmittelbar einsichtig ist; drittens daß unsere menschlichen Wertmaßstäbe im Spiel kosmischer Mächte nicht von Belang sind; und viertens, daß das Gute nur wahrgenommen werden kann, wenn man das Schlechte kennt. Es widerspräche der Idee von einem kosmischen Gleichgewicht, nur das Böse oder nur das Gute in der Welt zu wähnen. Dieses Gleichgewicht manifestiert sich in dem Orisha Eshú.

Der Untertitel des Buches Echu-Elegguá von Adrián de Souza Hernández drückt diese Vorstellung aus: "Das dynamische Gleichgewicht der Existenz". Das kosmische Gleichgewicht, welches sich unserer menschlichen Betrachtung weitgehend entzieht, wird in seiner Veränderlichkeit von Eshú fortlaufend wiederhergestellt. Eshú arbeitet wie ein universelles Selbststeuerungsmodul, das empfindlich auf geringste Gleichgewichtsschwankungen reagiert. Daß sich in diesem kybernetischen Prozeß auch Vorfälle ereignen, die dem Menschen unverständlich, unangenehm oder schmerzlich vorkommen, ist aus höherer Sicht nur von geringer Bedeutung.

Eshú ist in frühen Übersetzungen oft mit dem (christlichen) Teufel oder Satan identifiziert worden. Diese Vorstellung ist fälschlicherweise entstanden, wohl weil der Mensch dazu neigt, Unberechenbarkeit als für ihn potenziell gefährlich und daher böse zu werten. Eshú ist beides, gut und böse. Beides war im urzeitlichen Chaos undifferenziert vorhanden und bildete das kosmische Dunkel, welches der Aufenthaltsraum Eshús war. Und erst als sich das aché konzentrierte und als Olódùmarè manifestierte, als Licht in das Dunkel kam und sich zu expandieren begann, und als Èlà als ordnende, positive und konstruktive Kraft in der Welt wirksam wurde 24), ergab sich eine Polarisierung, in der für Eshú nur das unkalkulierbare, chaotische Element übrigblieb.25)

Die Ajogún [wörtlich: "Krieger", nicht zu verwechseln mit den tres guerreros (Ibora)] stehen als eine Armee von Widersachern Eshú zur Verfügung, um allzu selbstsichere und überhebliche Erdenwesen auszubremsen, ihren Pfad zu blockieren, sie zum Halten oder gar zum Scheitern zu bringen. Zu ihnen gehören Ikú (Tod), Àrùn (Krankheit), Òfò (Verlust, Schwund), Égbà (Lähmung), Èse (Sorgen, Beschwerden, Gebrechen), Oran (schwere Probleme), Epe (Verwünschung, Fluch), Ewon (Gefangenschaft), Omìmì (Erdbeben) und viele mehr. Die Ajogún sind keine Orishas oder Irunmole, sondern gehören zu den Igbamole, den 200 "linken Imale" oder Dämonen.26)

Olósi (Alósi, Alúsi, Elési) entspricht am ehesten der christlichen Vorstellung vom Teufel, weil er als "gefallener Engel" dargestellt wird, der von der Seite Olódùmarès verstoßen wurde. In einigen Quellen gilt er als ein (Aspekt von) Eshú.27) Im odù-Ifá Ejiogbe der Lukumí-Tradition erhält er mephistophelische Züge, als er einen Omobatala 28), der sich der schwarzen Magie hingibt, zu seinem Sklaven macht. Doch diese diabolische Entität verliert sich dermaßen in der Menge der yorubischen Gottheiten, daß ein Vergleich mit dem Teufel im zoroastrischen Dualismus der christlichen Kirche nicht zutreffend erscheint.

Abita, Ambita oder Ebita wird als eine mit Fledermausflügeln versehene Teufelsfigur dargestellt. Es handelt sich um eine von Miguel Fébles relativ spät entdeckte Gottheit, die Schadenszauber bewirkt.29)

Elénìní ist die Gottheit der Behinderung oder Verhinderung, der Blockage. Übersetzt mit "Widerstand" oder "Hindernis", bezieht sich Elenini oft auf jene selbsterzeugten Dämonen, die den Menschen an seiner Selbstverwirklichung, seinem Glück, seinem Erfolg und seiner Erfüllung hindern. Diese "Dämonen" können selbstzerstörerische Angewohnheiten, zwanghaftes Suchtverhalten, Neurosen, Furchtsamkeit oder auch Wut und Haß, mangelndes Selbstwertgefühl oder Selbstvertrauen sein. Diese (vielen Menschen allzu vertrauten) "Geister" versetzen den Menschen in einen scheinbar ausweglosen Zustand der (Selbst-)Verwünschung, verbauen den Weg zu spirituellem Wachstum und verderben jede Möglichkeit, seiner Bestimmung gemäß zu leben und zu handeln. 30)

Omo-Arayé sind - wörtlich übersetzt - die "Kinder von Erdenwesen", also menschliche Geschöpfe. Gemeint sind Menschen, die böswillig sind und die Macht und den Vorsatz haben, anderen Menschen oder ihrer Umwelt Schaden zuzufügen.31)

Ìyámi und Àjé (Eléye) gehören mit Sicherheit nicht in die Kategorie des "Bösen", obwohl in Ifá-Quellen die unheilvollen, schädlichen Kräfte dieser - weiblichen - Wesen oft einseitig hervorgehoben werden.

Während das Wort Àjé meist mit "Hexe(n)" übersetzt wird und Eléye soviel wie "Herrin der Vögel" bedeutet, weist der Name Ìyámi - "Meine Mutter" - auf den wahren Hintergrund dieser Wesen hin.32) Der Umstand, daß Frauen aufgrund ihrer Fähigkeit, zu empfangen und Kinder zu bekommen, oder aber aufgrund ihrer Menstruation, magische und potenziell gefährliche Kräfte zugedacht werden, hat auch in der abendländischen Geschichte eine lange Tradition und verdient zweifellos eine umfassendere und differenziertere Erörterung, als es an dieser Stelle möglich ist.

Die Ìyámi oder Àjé werden durch verübte Missetaten oder Blutvergießen angezogen und provoziert, das gestörte ethische Gleichgewicht wiederherzustellen und zu sühnen. Auf ihren Strafmissionen bedienen sie sich dabei gerne der Tiergestalt, insbesondere der von Vögeln und Fledermäusen 33), und pflegen sich des Nachts auf der Brust ihrer Opfer niederzulassen, an ihren Eingeweiden zu fressen und ihnen die Lebenskraft auszusaugen, sie unfruchtbar oder impotent zu machen.

Höchstwahrscheinlich besteht die Bedrohlichkeit der Ìyámi zur Hauptsache in der Verunsicherung darüber, worin ihre Normen und deren Übertretungen eigentlich bestehen.34)

Dem Kult der Ìyámi und der Huldigung der "Frauen-Kraft" ist in Afrika der Gèlèdè-Bund gewidmet. In diesem Kult haben die weiblichen Orishas Yemoja (Yemayá) und Òsun (Ochún) eine tragende Bedeutung.35)

Zu allen übrigen Orishas läßt sich sagen, daß sie alle über Charakterzüge und Kräfte verfügen, die der Mensch entweder als gut oder als böse werten würde, was wie schon gesagt auf höherer Ebene von keinerlei Belang ist. Wenn Ogún die schwächere Spezies der stärkeren unterliegen läßt, so ist dies im Kontext menschlicher Zivilisation zweifellos negativ zu bewerten, und das ist auch richtig so; auf kosmologischer Ebene jedoch ist das evolutionäre Prinzip in erster Linie ein Fakt, in zweiter Linie sogar eine gutzuheißende Notwendigkeit. Die Erkrankung an AIDS - ein Akt von Babalú Ayé - ist unfraglich um jeden Preis zu vermeiden; doch auf höherer Ebene beinhaltet die Infektion einen transformativen Aspekt, die Chance zur spirituellen Reifung. Es gibt keine "guten Orishas" oder "bösen Orishas".

 

 
Anmerkungen

1) Beide Sprüche entstammen je einem Orakelzeichen (odù) von Ifá, der erste dem Zeichen Oyeku-Ogbe, der zweite Obara-Meji.

2) Was dabei an dem monotheistischen Bekenntnis zu Olódùmarè zweifeln läßt, ist der Umstand, daß das urzeitliche Dunkel, welches von ihm partiell erleuchtet wurde, der Aufenthaltsbereich der Gottheit Èsù (Eshú, Echu, Exu) ist; ferner, daß Olódùmarè die Erde "schwängerte" und bewohnbar machte, welche von der Gottheit Onilé verkörpert wird; schließlich, daß die Erde zu Beginn der Schöpfung von den Wassern des Ozeans bedeckt war, die von Olóòkun regiert werden, bis sie von dem von Olódùmarè zur Weltschöpfung beauftragten Obàtálá zurückgedrängt wurden, indem er Olóòkun auf dem Grund des Ozeans festkettete. Und was ist mit Oro Ainá, dem grimmen Feuer des Erdkerns? Selbst wenn man konzediert, daß Obàtálá als Orìsànlá (der "große Orisha") als Sohn Olódùmarès zu betrachten ist, und die Orakelgottheit Òrunmìlà als Sohn von Obàtálá gilt, dann bleiben neben Olódùmarè mindestens noch Èsù, Onilé und Olóòkun, die ihm gleichzuordnen wären. Peter Morton Williams schreibt in An Outline of the Cosmology and Cult Organization of the Oyo Yoruba (in: Africa XXXIV, 1964, S. 245): "The Earth is the domain of the goddess Onile, Earth-Owner, who is sometimes simply called Ile, i.e. Earth personified. She is conceptually the counterpart of the Sky God (Olórun, Anm. TA), since Earth and Sky are coeval; and she is asserted by those Yoruba who worship her to have existed before the other gods, the orisa. ..."
Kólá Abímbolá bemerkt in seinem Artikel Spirituality and Applied Ethics: An African Perspective, West Africa Review (2001), ISSN: 1525-4488: "Although Obàtálá, just as the other gods, is lesser than Olódùmarè, it is quite clear from Ifá poems that three divinities have aleays coexisted with Olódùmarè. These are Obàtálá, Ifá, and Èsù." Abímbolá führt die monotheistische Theorie auf einen christlichen Einfluß zurück.
Die von den Yoruba überlieferte Mythologie erweist sich übrigens in mehr als diesem einen Fall als inkohärent. Insbesondere der Weltschöpfungsmythos ist zu interpretationsbedürftig, als daß er als logische Argumentationsgrundlage in Betracht käme.
Der Name Olórun bedeutet übersetzt "Himmelsherr" oder "Eigner des Himmels", wird auf Cuba aber oft mit der Sonne gleichgesetzt. Olófi oder Olófin bedeutet dasselbe wie aláfin, nämlich "Schloßherr" oder "Palastinhaber", also Herrscher oder König.

3) Die afroamerikanischen Religionen haben gewisse Gemeinsamkeiten mit den antiken Mysterienkulten, in denen ja auch - fernab der etablierten Staatsreligion - echte Gotteserfahrungen gemacht wurden. Auch jene pflegten Geheimhaltung der Riten, führten Initiationen durch, erzeugten Trance-Zustände.

4) Horst E. Miers: Lexikon des Geheimwissens, Freiburg 1986, S. 291: "Während der Magier die Gottheit sozusagen herunterholt, erhebt sich der Mystiker zur Gottheit hin, und der Adept macht sich selbst zur Gottheit, indem er ihrem Ideal nachstrebt."

5) Kurt Aram: Magie und Zauberei in der Alten Welt, Wiesbaden 1998, S. 10: "Das magische Weltbild findet sich bei allen "Natursichtigen", das mystische bei allen Religiösen und das mechanische bei allen Rationalisten. Bei den "Natursichtigen" herrscht die Beschwörung, bei den Religiösen die Versenkung (Meditation), bei den Rationalisten die Beobachtung. ... Der erste glaubt an Geister, der zweite an Gott, der dritte an das Gehirn. ... Das magische Weltbild belebt den ganzen Kosmos, das mystische beseelt, das mechanische konstruiert ihn." Aram definiert Magie als "Natursichtigkeit", ein "natürliches Schauungsvermögen", und seine Kräfte (S. 71).

6) Joseph M. Murphy: Santeria. African Spirits in America, Boston 1993, S. 8-20.

7) Die Begriffe Égún (eégún) und Egúngún sind synonym für die (Geister der verstorbenen) Vorfahren (lt. Michael Marcuzzi, pers. Korrespondenz, Nov. 2004). Mitunter bezeichnet Egúngún aber auch die Gottheit der verstorbenen Vorfahren (Fasina Falade: Ifá, The Keys to it's Understanding, 2002, S. 506) sowie ihren (afrikanischen) Kult. Egúngún heißen auch die Maskentänzer, die die kollektive Gottheit der Geister der Vorfahren verkörpern. Die Egúngún bilden in Afrika eine Geheimgesellschaft (nur aus Männern bestehend), aus der sich diese Tänzer rekrutieren. Allerdings stellen die Égúngún-Tänzer die Égún nicht nur dar, sie sind die Égún (ähnlich wie auch eine von einem Orisha besessene Person identisch mit demselben ist). Die historische Entstehung des Kultes findet ihren mythologischen Niederschlag u.a. in der Geburt von Egúngún, dem neunten Sohn von Oyá (einem weiblichen Orisha!), dessen Gesicht von Ameisen zerfressen wurde, der daher eine Maske trug und später ein berühmter Maskentänzer wurde (im odù-Ifá Okanran-Ogunda, nach persönlicher Auskunft von Michael Marcuzzi). Siehe auch John Mason: Four New World Yoruba Rituals (1993), S. 28ff und Judith Gleason: Oya. In Praise of an African Goddess, 1992, S. 69-150, sowie ihren Artikel Egungun, The Return of the Ancestor in Masquerade Form Among the Yoruba. Die 9 ist die mystische Zahl von Oyá, die daher auch - und zwar vorwiegend im brasilianischen Candomblé - Yansa ("Mutter der Neun") genannt wird. Bemerkenswerterweise heißt auf Cuba ein toque batá für Oyá "Oyá bí'kú" ("Oyá gebar den Tod").
Auf Cuba ist der Totenkult der Egúngún-Maskentänzer nicht mehr anzutreffen. Er wurde später (nach den Angaben von George Brandon in The Dead Sell Memories, 1993, S. 86) etwa zwischen 1856 und 1870) zum Teil durch den Kardec'schen Spiritismus ersetzt. Reversionistische Kräfte, wie etwa das Oyotunji African Village in South Carolina, USA, sind allerdings um die Wiederbelebung afrikanischer Traditionen und deren Säuberung von christlichen Verbrämungen bemüht; so behauptet auch die Website von Oyotunji: "Oyotunji villagers were first to revive Egungun in America." Auf der Insel Itaparica vor Salvador de Bahia, Brasilien, gibt es hingegen spätestens seit 1820 Kulthäuser (terreiros) der Egungun, die der dortigen Candomblé-Religion angegliedert sind. (Juana Elbein dos Santos, Os Nago e a Morte: Pade, Asese e o Culto Egun na Bahia, 1976, S. 119, zitiert in: Omari-Tunkara, Mikelle Smith: Manipulating the sacred : Yoruba art, ritual and resistance in Brazilian candomble, Detroit, 2005. S. 92 f)

8) Im Orakel der Kaurimuscheln (Merindiloggun) heißt es auch, ein Orisha "spräche" durch ein bestimmtes odù, welches ihm "gehört". Hierbei ist allerdings zu berücksichtigen, daß die Merindiloggun (Diloggun) nicht Ifá ansprechen und folglich auch nicht vom Babalawo, dem Ifá-Priester, benutzt werden. Die odù heißen zwar in vielen Fällen genauso oder ähnlich wie die odù von Ifá, haben jedoch anderen Inhalt, wirken auf einem anderen Niveau und verkörpern in einigen Fällen auch andere metaphysische Prinzipien. Es heißt, die odù der Merindiloggun seien von den odù-Ifá "geboren" worden. (Achtung: nicht alle Zeichen der Merindiloggun entsprechen ihren gleichnamigen Pendants in Ifá!) Die Diloggun werden von den Orisha-Priestern, den Olochas, Olorishas oder Santeros/as gehandhabt, und durch sie "sprechen" die Orishas (jeweils ganz bestimmte in jedem einzelnen odù) und (in Okana-Sodde) die Égún. In Ifá spricht Orunmila, der "Zeuge der Schöpfung" (elerí ìpín). Allerdings haben Oriates (Olorishas, die Spezialisten für Diloggun sind) in der Neuen Welt durch Doppel-odùs Zugriff auf den Ifá-Korpus erlangt. Dafür besitzen sie nicht die Kompetenz, über das zwölfte Zeichen (Eyila Chebora) hinaus zu lesen.

9) Siehe hierzu Michael Marcuzzi: Dancing with the Divine(r): Batá Drumming, Ifá Divination and Orisha Worship in Cuba, Toronto 1996.

10) Für Fasina Falade ist Orí die höchste und wichtigste aller Gottheiten (Ifá: The Keys to It's Understanding, Lynwood 2002, S. 483). In Ijo Orunmila zitiert Falade das odù Ofun-Irete, in welchem Orí gar als der Urheber von Ifá bezeichnet wird.

11) Der Begriff Eledá wird in der Literatur unterschiedlich verwendet. In Olódùmarè, God in Yoruba Belief führt E. Bolaji Idowu Elédá als Namen von Olódùmarè mit der Bedeutung "Schöpfer" auf (1994:39), der sich aber auch auf Orishanla (Obatala) beziehen kann (1994:71). Michael Atwood Mason nennt in seinem Artikel Spiritual Genetics für die CLBA Eleda den Schutzengel (guardian angel), der den persönlichen Orisha des Menschen (patron divinity) aussucht. In seinem Buch Living Santería setzt er eledá mit diesem Orisha gleich (2002:50). Auch Raul Canizares schreibt in Walking with the Night:"Santeria teaches that, just as everyone has an earthly mother and father, each person also has an orisha mother and father. ... Of the two orisha parents each person has, one asserts him- or herself more strongly on that person's life, becoming such a person's primary spiritual parent. These primary spiritual parents are called eledás." (1992:54) Der Oriate Miguel "Willie" Ramos sieht in seinem Artikel Ashé: Divine Essence of Existence (auf seiner Seite Eleda.org) Eledá, den "Schöpfer", als die Präsenz Oloruns im menschlichen Kopf an, als "den stillen aber aufmerksam beobachtenden Zeugen der menschlichen Existenz, dem am Ende Bericht erstattet wird". Vielleicht fungiert der "Schöpfer" hier als eine Art Gewissen.

12) Sowohl Fasina Falade (Ijo Orunmila) als auch Bolaji Idowu (Olódùmarè: God in Yoruba Belief, 1994, S. 173) nennen das himmlische Orí-Doppel Enìkejì. Für Idowu ist Ìpònrí das Schicksalslos des Orí (S.171).

13) Während in nahezu jedem Buch über die Religion der Yoruba und die Santería eine mehr oder weniger zutreffende und selten umfassende Charakterisierung der Orishas zu finden ist, so existieren doch einige Basistexte, die sich ausschließlich den Orishas oder auch nur je einem einzigen von ihnen widmen. Zu den ersteren gehören z.B.: Los Orishas en Cuba von Natalia Bolívar Aróstegui oder Black Gods - Orisa Studies in the New World von John Mason und Gary Edwards; spezielle Werke sind etwa Echu-Elegguá: Equilibrio dinámico de la existencia von Adrián de Souza Hernández, Africa's Ogun, Old World and New von Sandra Barnes, Òsun across the Waters: A Yoruba Goddess in Africa and the Americas von Joseph M. Murphy und Mei-Mei Sanford (Hrsg.), Oya. In Praise of an African Goddess von Judith Gleason, Olóòkun: Owner of Rivers and Seas von John Mason sowie die Hefte von Raul Canizares und Fá'lokun Fatunmbi.

14) Für eine Beschreibung der körperlichen religiösen Erfahrung s. Michael Atwood Mason: Living Santería. Rituals and Experiences in an Afro-Cuban Religion, Smithsonian Institution Press, Washington 2002.

15) Zu diesen Irunmole gehören unter anderem die odù von Ifá, die das kosmische Geschehen organisieren und lenken. Es gibt Hinweise darauf, daß diese odù, die eigentlich Orakelzeichen darstellen, aber in diesem Sinne auch metaphysische Kraft-Patterns sein müssen, ebenfalls - wenn auch auf einer höheren geistigen Ebene - Orishas sind (s. Rowland Abiodun: Hidden Power, in Òsun across the Waters, S. 15-16). Wenigstens können die odù die ihnen ensprechenden Orishas generieren oder sich in sie verwandeln, wie etwa Osetura sich zu Eshú transformiert. Andererseits gebar Òsun (Ochún) Osetura (in eben diesem odù). Ogún wird im odù Ogundameji geboren, erhält aber in einer diesem Zeichen zugeordneten Legende den Namen Ogundameji (Philip John Neimark, The Way of the Orisa, 1993, S. 86-87), transformiert sich also wieder zum odù. Oyá wird in Osa-Ogunda "geboren" (Gleason, Oya. In Praise of an African Goddess, 1992, S. 183-189). Nach Fela Sowande und Fagbemi Ajanaku (neben Anderen) gehören die olódù, die ersten 16 odù, zu den ersten Irunmole, die von Olódùmarè zur Erde gesandt wurden (s. den Artikel Ifá). Auch hier läßt sich wieder ein fließender Übergang zwischen Ifá, repräsentiert durch die odù, und Orisha feststellen. Es scheint sich hierbei um unterschiedliche Manifestationsstufen auf der Skala zwischen Geist über Energie zur Materie zu handeln, wobei das odù als eine Idee oder ein Prinzip anzusehen ist, das als Irunmole oder Orisha energetische Gestalt annimmt, zur Kraft wird, die sich dann in weltlichen Phänomenen manifestiert, materialisiert oder inkarniert.

16) Añá und Ajala Mopin werden vereinzelt nicht den Orishas zugerechnet. Añá wird von Felipe García Villamil aus Matanzas nicht als Orisha, sondern "a manifestation of the same vital force, aché, the power or the strength of all things, that the orichas express and personify" angesehen (María Teresa Vélez: Drumming for the Gods, 2000, S. 48). Für Kólá Abímbolá ist Ajala Mopin "a spiritual entity ... who is not regarded as a divinity" (Spirituality and Applied Ethics: An African Perspective, West Africa Review 2001, ISSN: 1525-4488).

17) Hierin liegt der Grund, warum der Ahnenkult in seiner Wichtigkeit noch vor der Verehrung der Orishas rangiert, obwohl die Orishas in der Hierarchie der Geistigkeit und der spirituellen Energie höher stehen als die Égún: Ohne die Égún gäbe es keinen Orisha. Es heißt, der Tote (bzw. der Tod) "gebäre" den Orisha: Égún (Ikú) lobí Ochá.
Fasina Falade schreibt in Ijo Orunmila (im Kapitel Life's Circle): "After reincarnating back home, the world is a market place and heaven is home, we reveal our efforts while in the material form. If your character was developed, you elevate into Orisa. If not you prepare to return as Egun." In demselben Buch, im Kapitel Cosmology, definiert Falade: "Orisa: Deified ancestors. Spirits that came into the world and were recognized for their deeds. There are three types: Orile, Idile, and Inu. - Egun: Departed ancestors. Those who have come and left the world. These must continue to elevate themselves spiritually to become Orisa."
Die etymologische Bedeutung des Wortes òrìsà ist nach wie vor strittig, und dem entsprechend wird das Wort uneinheitlich gehandhabt. Während John Mason die Übersetzung als selected head, also "erwählter Kopf" favorisiert, zitiert er in seinem Buch Orin òrìsà auch Modupe Oduyoye: "It is not part of the word òrìsà which means 'head', it is the whole. Òrìsà (and Òrìsè) is one single word..."(1992:4). Mason äußert seine Assoziation mit den Gottesnamen Olisa, Lisa, Lesa und Leza. Er liefert eine übergreifende Definition: "Òrìsà can be spoken of as the venerated, spiritual heads of the first rank and age selected by God to be repositories of àse, concealed divine power of command and transformation."
Michael Marcuzzi mißtraut der Übersetzung als selected head zutiefst. Er wies darauf hin, daß die tonalen Markierungen (gekennzeichnet durch Betonungszeichen) nicht den geringsten Hinweis auf diese Wortbedeutung nahelegen. Er lieferte auch ein Beispiel gegen die Auslegung des Wortes als "deifizierter Vorfahr": Oníbodè, der von Idowu als Torwächter zwischen Himmel und Erde dargestellt wird (Olódùmarè, 1994:174) und in der Neuen Welt als Echu Oní Boddé zu einem Aspekt von Eleggua wurde (Aróstegui, 1994:62), werde - so Marcuzzi - in den odù Ifá Okanran Oyeku und Ogbe Iyonu ausdrücklich als Orisha deklariert, hätte jedoch niemals auf Erden gelebt (pers. Korrespondenz, Nov. 2004).

18) Migene González-Wippler nennt Orunmila anstelle von Oyá. (Santería. African Magic in Latin America, New York 1990, S. 180)

19) Obatala gilt in all seinen Aspekten als Oberhaupt der Orisha funfun. Ochún wird von Isabel Castellanos in A River of Many Turns (enthalten in Òsun across the Waters, S. 40) den Weißen Orishas zugeordnet, Oricha Oko von John Mason (Orin Orisa, S. 121).

20) Vgl. Hierzu Edgar Allan Poe: The Masque of the Red Death; Prinz Prospero feiert mit einer ausgewählten Zahl Höfischer in seinem von der Außenwelt abgeriegelten Schloß einen Maskenball, während draußen im Land vor den Toren des Schlosses die Pest wütet. Jedes Zimmer des Schlosses ist in einer bestimmten Farbe gehalten. Einer seiner Gäste findet im schwarzen Gemach eine Person, die sich als ein Pesttoter verkleidet hat. Prospero gebietet wütend, ihr diese geschmacklose Maskierung herunterzureißen; doch zum Schrecken der Anwesenden befindet sich niemand hinter der Maske. Da wußten alle, daß der Rote Tod, die Pest, auch in ihr freches Refugium Einzug gehalten hatte, und einer nach dem anderen sanken sie tot zu Boden.

21) Hinter dem Numen, dem Namen und der Figur von Oddudua (Oduduwa) verbirgt sich (wie hinter Obatala) ein komplexes Mysterium mit verzweigten physischen und metaphysischen Bezügen. Die mythologische Ablösung von Obatala durch Oduduwa in der Weltschöpfung scheint eine Reflexion politischer Geschehnisse gewesen zu sein; schließlich hatte Oduduwa (Oddudua) sein Volk nach Nigeria, genauer gesagt nach Ile-Ife geführt und die damalige Bevölkerung mehr und mehr unterdrückt. Dem Ursprung der Yoruba liegt also eine Invasion und eine stetige Durchsetzung und Vermischung mit der Urbevölkerung zugrunde, deren Schöpfergottheit jedoch Obatala (Orishanla) war. Woher diese Invasoren kamen, ist Gegenstand abenteuerlicher Theorien, die geradezu mythische Züge tragen: So will J. Olamide Lucas (The Religion of the Yorubas, 1942) belegt wissen, daß die ursprüngliche Heimat der Yoruba Ägypten gewesen sei. Andere Quellen behaupten gar, Oduduwa sei aus Mekka geflohen. Der politische Führer Oduduwa wird von den Yoruba als ihr Urahn angesehen. Er gilt sozusagen als der Prinzipal der Égún. Er steht in Verbindung mit dem Ogboni-Bund, der sich dem Kult von Onile, der Erde widmet (siehe E. Bolaji Idowu: Olódùmarè - God in Yoruba Belief, S. 22-29, für eine exzellente Ausführung des Themenkomplexes).
John Mason liefert in Orin Orisa einige esoterische Aspekte zum "Oduduwa-Komplex", die nur eine Idee von der ganzen Tiefe seines Mysteriums vermitteln. Mason vertritt neben Anderen die Auffassung, daß zwischen einem (männlichen) Odùdúà und einer (weiblichen) Odùa zu unterscheiden sei (S. 221). Nach meiner Ansicht stellt Oddua (Odùa) lediglich eine sprachliche Wortverkürzung des Namens Oddudua (Oduduwa, Odùdúà) dar.

22) Heriberto Feraudy Espino führt Aganju als den Nachfolger von Shangó auf dem Thron des aláfin von Oyo auf (Yoruba. Un acercamiento a nuestras raices, La Habana 1993, S. 31).

23) Dies ist die Aussage des "17. odù" des Ifá-Korpus, Osetura. Vgl. hierzu auch George Spencer Brown: Only Two Can Play This Game.

24) Èlà wird oft als "das Gute" oder "die Kraft, die Dinge richtigstellt" übersetzt. In der Ifá-Kosmologie stellt Èlà die Kraft dar, die sich in der materiellen Welt als das Irunmole (der Orisha) Orunmila manifestiert.

25) In der Yoruba-Religion wie in der modernen Chaostheorie stellen die Begriffe "Chaos" oder "Zufall" nur technisch bedingte Vereinfachungen für Kausalprozesse dar, die der Mensch nicht voraussehen oder nachvollziehen kann. In der Chaoswissenschaft spricht man vom "Schmetterlingseffekt", der bezeichnet, daß selbst ein so feiner Impuls wie der Schlag eines Schmetterlingsflügels in einer bestimmten Konstellation von Gegebenheiten einen Hurrikan auf der anderen Seite des Erdballs verursachen (GEO-Wissen: Chaos + Kreativität, 11/1993, S. 132-133, 188).

26) Die Ajogún gehören zu den im Orakel zu spezifizierenden Urhebern einer "schlechten Orientation" (ibi, osogbo) des jeweiligen Zeichens.

27) Siehe Julio García Cortez: The Ocha, 2000, S. 97.

28) Wörtlich: "Sohn Obatalas"; Menschen, deren Wesen jeweils von einem bestimmten Orisha regiert wird, werden als deren Kinder (Söhne/Töchter) bezeichnet. Der persönliche Orisha eines Menschen gilt als sein Schutzpatron und wird traditionell mit dem Ifá-Orakel ermittelt. Es ist dies derselbe Orisha, dem die betreffende Person in der Kariocha-Initiation geweiht wird, und der von ihr in Trance Besitz ergreifen wird. Für einen Omobatala ist es traditionell Tabu, sich magischer Handlungen zu bedienen.

29) Laut David H. Brown, (Santería Enthroned, 2003, S. 140) "erschuf" Miguel Fébles die Gottheit Ambita. Die in Oshogbo, Nigeria zur Oshún-Priesterin geweihte Wissenschaftlerin und Musikerin Amanda Vincent stellt jedoch klar, daß dieser Orisha in der nigerianischen Religionspraxis stets präsent war und ist (Bata conversations: guardianship and entitlement narratives about the bata in Nigeria and Cuba, PhD. thesis, SOAS, London 2006, Fußnote S. 358). Nach Vincent ist Abita in Nigeria ein Aspekt von Eshú als Störenfried und Widersacher, während er auf Cuba entweder als eine Manifestation von Osain oder als Aspekt Changós gilt. Anmerkung des Autors (T.A.): Nach verbreiteter Auffassung besitzt Changó auf Cuba keine unterschiedlichen Aspekte.

30) Siehe Idowu, Olódùmarè, 1994, S. 178, sowie Fa'lokun Fatunmbi, Ìbà'se Òrìsà, 1994, S. 189: "In Ifá cosmology there is no 'Devil'. Negativism, pain, suffering and injustice are frequently the work of spiritual forces that are called 'elénìní'. The elénìní come into existence as a result of personal resistance to spiritual transformation ...".

31) Siehe Idowu, Olódùmarè, 1994, S. 177-178: "Omo ar'aiyé and Elénìnì draw their power from the evil principle which is described comprehensively as Aiyé - "The World". Here resides the concentrated power of evil. ... In aiyé, ... we meet unmitigated evil in its essence, malignant, obstructing, spoiling, out-and-out diabolic."

32) Wir erinnern uns, daß in den achtziger Jahren die abendländischen "Hexen" als "Weise Frauen" wiederentdeckt wurden.

33) Siehe auch Sergius Golowin: Symbole aus dem Sagenkreis der Weisen Frauen, im Lexikon der Symbole, München 1992, S. 258-259, wo als Boten abendländischer Hexen ebenfalls Fledermäuse und Eulen aufgeführt werden.

34) Vgl. Judith Gleason: A Recitation of Ifa, Oracle of the Yoruba 1973, S. 58: "Our Mothers, the witches, in order to justify their anger, institute prohibitions and then fail to inform us what they are, so that we unknowingly break them.".

35) Siehe hierzu David O. Ogungbile: Eérìndínlógún in Òsun across the Waters von Murphy und Sanford 2001, S. 194-195; Iris Hahner-Herzog: Im Zeichen der "Mütter", der Gelede-Bund der Yoruba (Web-Artikel für die Universität Linz, 2002). Potenziell verfügen aber alle Frauen über "Vogel-Kraft".



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